Glaskolben mit Destillationsrohr, Trichter, Messzylinder und weiteren Laborgeräten neben einem beheizbaren Laborbad zur Herstellung von Causticum - Homöopathie Arzneiforschung
Glaskolben mit Destillationsrohr, Trichter, Messzylinder und weiteren Laborgeräten neben einem beheizbaren Laborbad zur Herstellung von Causticum - Homöopathie Arzneiforschung

Causticum - Das entschlüsselte Rätsel

Was ist Causticum? Eine alte Frage, im Labor neu untersucht

Seit fast zweihundert Jahren streitet die Fachwelt darüber, was bei Hahnemanns Herstellungsvorschrift für Causticum eigentlich entsteht. Karl Heinz Jansen und Dr. med. Dirk Thomas Quak haben die Vorschrift in einem modernen Forschungslabor mehrfach wiederholt, bis hin zu Glasgefäßen aus Hahnemanns Zeit, und die Destillate mit heutiger Analytik untersucht. Ihr Ergebnis: Das Destillat ist weder reines Wasser noch schwache Kalilauge, sondern eine basische wässrige Lösung von Ammoniumhydrogensilikaten.

Die Constantin Hering Stiftung hat die Versuche im Labor filmisch begleitet. Der Film und die ausführliche Arbeit stehen hier zum Abruf bereit.

Die Frage

Hahnemann beschreibt in den Chronischen Krankheiten genau, wie Causticum herzustellen ist: frisch gebrannter Kalk, abgeröstetes „doppelsaures schwefelsaures Kali”, heißes Wasser, ein gläserner Kolben, der Destillationshelm mit nasser Schweineblase aufgeklebt, Destillation bis zur Trockene. Das Destillat, schreibt er, sei wasserhell, rieche wie Ätzkalilauge, schmecke „hinten auf der Zunge schrumpfend und ungemein brennend im Halse”, gefriere erst unter dem Gefrierpunkt des Wassers und fördere die Fäulnis eingelegter tierischer Substanzen. Zugleich weist er nach, dass es weder Schwefelsäure noch Kalkerde enthält.

Nach heutiger Chemie dürfte bei dieser Destillation im Kolben Kalilauge und Gips zurückbleiben und in die Vorlage nur Wasser übergehen. Wasser aber hat keine der Eigenschaften, die Hahnemann beschreibt. Die Erklärungsversuche reichen vom „chemischen Unding” (1841) bis zur bis heute verbreiteten Annahme von Grimm (1989), Causticum sei eine schwache Kalilauge, die durch Siedeverzug in die Vorlage gelangt.

Was Hahnemann suchte

Hahnemann suchte, wie viele Chemiker seiner Zeit, das „kaustische Prinzip” der Laugen: einen Stoff, der dem Kalk und den Alkalien ihre ätzende Eigenschaft verleiht und sich von ihnen abtrennen lasse. Die Säure-Basen-Chemie gab es noch nicht; das Hydroxid-Ion wurde erst 1887 postuliert, 44 Jahre nach Hahnemanns Tod. Seine Vorschrift ist der Versuch, diesen „Ätzstoff” durch Sättigung der Base mit einer Säure freizusetzen und mit dem Wasserdampf zu übertragen. Genau an dieser Stelle irrte er nach heutigem Verständnis: Basische Eigenschaften lassen sich nicht als Stoff abtrennen.

Der Versuchsaufbau

Nach der Originalvorschrift wurden jeweils 50 g gelöschter Kalk und 50 g Kaliumsulfat mit 50 ml kochendem Wasser im Porzellanmörser angerieben und bis zur Trockene destilliert, in etwa 90 Minuten, das Destillat in Fraktionen von rund 10 ml aufgefangen. Verwendet wurden drei Apparaturen: eine moderne Destille aus Duranglas, eine Kombination aus Durankolben und alchemistischem Helm sowie ein Kolben aus grünem Kalknatronglas mit passendem Helm aus der Zeit um 1830. Variiert wurden Herkunft und Vorbereitung der Ausgangsstoffe, die Wasserqualität, das Dichtungsmaterial und vor allem die Hitzeführung, schonend im Ölbad oder rasch im Heizpilz bis 420 °C, mit fortlaufender Temperaturmessung.

Jede Fraktion wurde chromatographisch auf Kationen und Anionen untersucht (Nachweisgrenze etwa 10 µg/l), dazu auf Aminosäuren, den pH-Wert und photometrisch auf Silikate (Nachweisgrenze etwa 20 µg/l). Vor jedem Versuch wurde der Aufbau mit einer Wasserdestillation auf Blindwerte geprüft; die historischen Gläser wurden zusätzlich mehrere Tage mit Reinstwasser eluiert und waren unauffällig.

Was im Destillat gefunden wurde

  • Moderne Destille, reine Chemikalien: Das Destillat unterscheidet sich nicht von Wasser. Der Geruchstest nach Hahnemann bleibt negativ.
  • Schweineblase als Dichtung: Im Destillat ist Ammoniak nachweisbar. Ohne Blase, allein aus den Ammoniumsalzen natürlichen Kalksteins, fanden sich in der letzten Fraktion 11,4 mg/l, bezogen auf die gesamten rund 50 ml Destillat etwa 0,7 mg/l. Mit Blase stieg der Wert in der letzten Fraktion auf 60,6 mg/l, im gesamten Destillat auf rund 35 mg/l; diese Menge riecht deutlich und verschiebt den pH-Wert ins Alkalische.
  • Historisches Kalknatronglas: Aus der heißen Kalilauge löst das Glas Silikate, die mit dem Wasserdampf übergehen. Mit zugesetztem Bruchglas wurden 5 bis 6 mg/l gemessen, im historischen Kolben ohne Zusatz 3 bis 4 mg/l.
  • Hitzeführung: Schonendes Erwärmen im Ölbad ergab deutlich geringere Mengen an Ammoniak und Silikat als rasches Erhitzen.

Warum die Siedeverzugs-These nicht aufgeht

Hahnemann prüfte sein Destillat mit zwei Fällungsreaktionen: mit Bariumchlorid auf Sulfat und mit Ammoniumoxalat auf Kalzium. Beide Proben blieben negativ. Wäre beim Destillieren Reaktionsgemisch übergespritzt, so wären alle Ionen im Verhältnis ihres Ansatzes übergegangen, also auch Sulfat und Kalzium.

Die Rechnung dazu ist eindeutig: Ein einziger Spritzer von 50 µl ergäbe in der Vorlage rund 325 mg/l Sulfat. Das liegt etwa 150-fach über dem, was Hahnemanns Nachweis mit Bariumchlorid noch anzeigt. Umgekehrt gilt: Eine Kalilauge, die im Rahmen dieser Nachweisgrenzen unbemerkt geblieben wäre, hätte höchstens 0,8 mg/l betragen. Sie wäre geschmacklich nicht wahrnehmbar (die Geschmacksschwelle für Kaliumhydroxid liegt zwischen 1 und 50 mg/l), sie ätzt nicht, und sie erklärt Hahnemanns Geschmacksbeschreibung nicht.

Auch die zweite Annahme, Kaliumhydroxid könne bei großer Hitze sublimieren und gasförmig in die Vorlage gelangen, ließ sich nicht bestätigen. Kaliumhydroxid schmilzt bei 360 °C und siedet erst bei 1327 °C; im Helm und im Ablaufrohr liegen die Temperaturen gegen Ende der Destillation weit unter 100 °C, sodass das Kaliumhydroxid auf diesem Weg auskristallisieren müsste. In den Versuchen wurde der Kolben in der Trockenphase mehrere Minuten bei etwa 400 °C gehalten, ohne dass die Kaliumkonzentration im Destillat anstieg.

Der Vorgang Schritt für Schritt

1. Die Ausgangsstoffe werden vorbereitet. Kalkstein wird bei etwa 1000 °C gebrannt und mit Wasser gelöscht; es entsteht gelöschter Kalk.

CaCO₃ → CaO + CO₂ · CaO + H₂O → Ca(OH)₂

Das „doppelsaure schwefelsaure Kali” wird bis zum Glühen erhitzt. Es verliert Wasser und Schwefeltrioxid, übrig bleibt Kaliumsulfat.

2 KHSO₄ → K₂S₂O₇ + H₂O → K₂SO₄ + SO₃

2. Im Mörser entsteht Kalilauge. Gelöschter Kalk, Kaliumsulfat und heißes Wasser reagieren unter Wärmeentwicklung zu Kalilauge und Gips.

K₂SO₄ + Ca(OH)₂ + 2 H₂O → 2 KOH + CaSO₄ · 2 H₂O

Aus je 50 g der beiden Salze entstehen rechnerisch 574 mmol Kaliumhydroxid (32,3 g) und 287 mmol Gips (49,4 g); 383 mmol Kalk bleiben im Überschuss. Dieses „Magma” kommt in den Kolben.

3. Beim Erhitzen wird die Lauge immer schärfer. Das Wasser verdampft nach und nach, die Kalilauge im Kolben wird konzentrierter und heißer. Die Bedingungen für den nächsten Schritt entstehen also erst im Verlauf der Destillation und sind am Ende am stärksten ausgeprägt.

4. Die heiße Lauge ätzt das Glas an und löst Silikate heraus. Kalknatronglas, wie es Hahnemann zur Verfügung stand, wird von heißer Kalilauge angegriffen; aus der Glasoberfläche geht Siliziumdioxid als Kieselsäure in Lösung. Das Kaliumsulfat im Ansatz wirkt dabei als Vermittler, weil es schwerlösliche Metalloxide in Lösung bringt.

SiO₂ + 2 H₂O → Si(OH)₄

Wie viel dabei in Lösung geht, hängt stark von pH-Wert und Temperatur ab: Bei pH 7 und 25 °C sind es etwa 100 mg/l, bei pH über 12 und 100 °C etwa 10 000 mg/l. Kieselsäure ist wasserdampfflüchtig und steigt mit dem Dampf auf. Moderne Destillen aus Duranglas geben praktisch nichts ab; genau deshalb bleibt ihr Destillat reines Wasser.

5. Aus der Dichtung tropft Eiweiß in die Lauge zurück. Die gewässerte Schweineblase wird um den Kolbenhals gelegt und der Helm daraufgesetzt; ein Teil der Blase liegt dabei innen an und reicht in den Dampfraum. Über das Glas wird sie miterhitzt, Fette und Proteine treten aus, kriechen an der Glasfläche entlang und tropfen in den Kolben zurück. In der heißen Kalilauge werden die Proteine gespalten, und es entsteht Ammoniak, daneben können niedere Amine auftreten. Diese Anordnung mit innen liegendem Dichtungsmaterial ergibt die größten Ammoniakmengen: in der letzten Fraktion 60,6 mg/l gegenüber 11,4 mg/l ohne Blase.

6. Ammoniak und Kieselsäure steigen gemeinsam auf. Beide sind flüchtig, gehen mit dem Wasserdampf in den Helm und laufen über den Schnabel in die Vorlage. Die Salze im Kolben, Gips und überschüssiger Kalk, bleiben zurück. Das erklärt, warum Hahnemanns Proben auf Sulfat und Kalzium negativ ausfielen.

7. Im Kondensat bildet sich Ammoniumsilikat. Ammoniak reagiert mit Wasser zu Ammonium und Hydroxidionen und hält den pH-Wert über 9 bis 10. In diesem Bereich bleibt die Kieselsäure deprotoniert und gelöst, statt zu Polykieselsäuren zu kondensieren; die Lösung bleibt klar.

NH₃ + H₂O ⇌ NH₄⁺ + OH⁻
2 NH₄OH + Si(OH)₄ → (NH₄)₂SiO₃ + 3 H₂O

8. Das Destillat bleibt vorläufig stabil. Der Ammoniaküberschuss stabilisiert die gelösten Silikate. Wird die Lösung angesäuert oder erwärmt, entweicht Ammoniak, und die freiwerdende Kieselsäure polymerisiert zu gallertartigem Kieselgel. Zu diesem Verhalten passt auch die Beobachtung, dass in einem Versuch mit historischer Apparatur nach 24 Stunden Kühlung in der ersten Fraktion Kristalle ausfielen, die sich in Lauge auflösen ließen und positiv auf Silikat reagierten.

Was die Fraktionen zeigen: Der Ammoniakgehalt steigt von Fraktion zu Fraktion an, weil die Dichtung länger heiß ist und die Lauge konzentrierter wird; die Silikatwerte bleiben dagegen weitgehend gleich. Schonendes Erwärmen im Ölbad ergibt von beidem deutlich weniger als rasches Erhitzen, was den beschriebenen Ablauf bestätigt.

Das Ergebnis

Zwei Bestandteile der historischen Apparatur erzeugen also gemeinsam, was Hahnemann beschreibt: die Schweineblasendichtung den Ammoniak, das Kalknatronglas die Kieselsäure. Im Destillat bilden beide lösliche Ammoniumhydrogensilikate.

Diese Verbindungen haben die Eigenschaften, die Hahnemann seinem Causticum zuschreibt: vollständig wasserlöslich, mit dem Wasserdampf flüchtig, farblos, im Geruch der Ätzkalilauge ähnlich, im Mund adstringierend und brennend, den Gefrierpunkt senkend, die Fäulnis fördernd, ohne Sulfat und ohne Kalzium. Der Geschmackstest der Autoren an ihrem eigenen Destillat bestätigt Hahnemanns Beschreibung bis in das stundenlang anhaltende Austrocknungsgefühl in Mund und Rachen.

Die Autoren führen das als Hypothese, nicht als abgeschlossenen Beweis: Die Analytik zeigt Ammoniak und Silikate im Destillat und schließt Kalilauge als Erklärung aus; die Bildung der Ammoniumhydrogensilikate selbst ist aus den Messwerten und der bekannten Chemie erschlossen.

Was dieser Befund bedeutet

Das Arzneibild von Causticum bleibt von diesem Befund unberührt; es beruht auf Hahnemanns Prüfungen und auf der seither dokumentierten Anwendung. Neu ist die Antwort auf die Frage, welche Substanz dabei geprüft wurde. Hahnemann hat, ohne es erkennen zu können, eine der Chemie seiner Zeit unbekannte Verbindung hergestellt und als Arzneistoff zugänglich gemacht. Für die heutige Herstellung heißt das: Ohne Kalknatronglas und ohne Proteinzugabe entsteht kein Causticum im Sinne Hahnemanns, sondern destilliertes Wasser.

Arbeit, Film und Förderung

Arbeit: Karl Heinz Jansen, Dr. med. Dirk Thomas Quak: Causticum: Neue Wege zu einer alten Wahrheit. jaqu-invent, Institut für homöopathische und naturmedizinische Forschung GbR, Fürstenfeldbruck.
Film: Die Versuche im Labor, aufgenommen von der Constantin Hering Stiftung.
Förderung: Die Forschungsarbeit zu Causticum wurde von der Sanddorf-Stiftung Regensburg gefördert.

Dr.med. Thomas Quak


Verf.: qk | Rev.: glt | Lekt.: pz | zuletzt geändert 25.9.2026