Hahnemanns potenzierte Arzneistoffe

Ewiger Stein des Anstoßes und die wissenschaftliche Debatte um homöopathische Potenzen

ABSTRACT

Der Beitrag analysiert die Kontroversen um Samuel Hahnemanns Potenzierungsverfahren zur Herstellung homöopathischer Arzneistoffe anhand kritischer Beiträge seines Schülers G.H.G. Jahr aus dem 19. Jahrhundert. Trotz heftiger Ablehnung der Präparate durch zeitgenössische „naturwissenschaftliche“ Gegner unterstreicht die wissenschaftliche Analyse Jahrs die sorgfältigen empirischen Beobachtungen zur Wirksamkeit der Hochpotenzen. Jahr trennt konsequent empirische Evidenz von spekulativen Deutungen und plädiert für offene Forschung. Moderne wissenschaftliche Erkenntnisse aus Kolloidchemie und Nanomedizin liefern neue, plausible Modelle. Der Text betont dabei die Bedeutung einer methodisch strikten, aber erkenntnisoffenen Wissenschaftlichkeit, die Wirkungserfahrungen unabhängig von Erklärungsmodellen und Theorien anerkennt.

KEYWORDS: Homöopathie, G.H.G Jahr, Potenzierte Arzneistoffe, Hochpotenzen, Empirische Forschung

Einleitung

Geburtstage sind willkommene Anlässe, um an Menschen zu erinnern und sie zu würdigen.

Als sich 1855 Samuel Hahnemanns Geburtstag zum 100. Mal jährte, beschloss sein Schüler G.H.G. Jahr als Festgabe zu diesem Jubiläum ein Buch herauszugeben, um die Lehrsätze der Homöopathie zu besprechen und gegen die vielstimmige Kritik fundiert zu verteidigen. 1856 schrieb er das Vorwort, ein Jahr später erschien das Werk:

Die Lehren und Grundsätze der gesamten theoretischen und praktischen homöopathischen Heilkunst.

Eine apologetisch-kritische Besprechung der Lehren Hahnemanns und seine Schule.

Jahr hatte nach seinem Medizinstudium in Bonn 1834 über 8 Monate mit Hahnemann in Köthen zusammengearbeitet und dessen Denk- und Arbeitsweise aus erster Hand erfahren. Er erlebte seinen Mentor in einer Schaffensperiode, in der dieser sein Werk überarbeitete. Gleichzeitig begannen sich einige der ersten Schüler zu distanzieren und die Opposition in den eigenen Reihen wuchs, der Ton der Auseinandersetzung wurde schärfer. In der Folgezeit griff Jahr mehrfach zur Feder, immer wieder in erklärender und vermittelnder Absicht. So auch diesmal:

„Nicht unnötige Streitsucht, sondern tiefes Gefühl unserer Pflicht ist es, was uns bestimmt hat, da, wo keiner mehr geneigt schien, eine Lanze für die Wahrheit zu brechen, selbst als Kämpfer in die Schranken zu treten; denn wenn man mit starken Schritten seinem 60‘sten Jahre entgegengeht, denkt man […] an die heiligen Pflichten, welche man für das heranwachsende und nachbleibende Geschlecht zu erfüllen hat, und welches Bekenntnis man den Nachkommen am Schlusse einer fast dreißigjährigen Übung der Lehren des Meisters schuldig ist.“ (Jahr, 1857, Einleitung S. VI)

In 16 Kapiteln und insgesamt 180 Paragraphen legte Jahr Erläuterungen, Überlegungen und Argumente vor und lud die Leser zu einem ehrlichen Disput über begründete Widersprüche ein. Seine Besprechungen der Lehrsätze sind detailliert und folgen einer klaren Didaktik, die ihm als erfahrenem Lehrer wichtig war. Er beleuchtet die Fragen von verschiedenen Standpunkten, wägt ab, folgert logisch und lässt offen, was noch ungeklärt ist.

Nun begeht auch G.H.G. Jahr 2026 einen runden Geburtstag, seinen 225, ein Anlass, sich mit seinem tiefgründigen Werk erneut zu beschäftigen.

Weil es gerade die Auseinandersetzung mit diesem Werk war, die bei mir den Anstoß zu intensiverer Beschäftigung mit G.H.G. Jahrs Leben und Schaffen gab, soll es hier als Ausgangspunkt dienen für ein Thema, das seit über 200 Jahren nichts an Brisanz verloren hat - die homöopathischen Hochpotenzen.

Potenziertheorie – Stein des Anstoßes

Das sechste Kapitel der Lehren und Grundsätze behandelt Hahnemanns posologische Ansichten - die umstrittene Lehre von der Dosierung homöopathisch gewählter Arzneimittel. Jahr berührt damit den bis dato am meisten unverstandenen Teil von Hahnemanns Lehre, die Herstellung der Arzneien in einem stufenweisen Prozess von Verdünnung und Verreibung und Verschüttelung. Präzise beschrieb Hahnemann den Herstellungsprozess in der Anleitung zur Bereitung der antipsorischen Präzise beschrieb Hahnemann den Herstellungsprozess in der Anleitung zur Bereitung der antipsorischen Arzneien (ursprünglich erschienen in: Die chronischen Krankheiten, 1.Aufl 1828, 2. Teil) (Hahnemann, 2001, S. 767-773). In der 5. Auflage des Organon der Heilkunst (1833) erklärte er die Herstellungsweise der Potenzen in § 270[1] für flüssige Ausgangsstoffe und in § 271[2] für feste Substanzen noch einmal, hier aber knapper formuliert.

Diese rechnerisch absurd klein scheinenden Dosierungen gaben reichlich Anlass für Auseinandersetzungen. Kritikern der Homöopathie boten sie eine Steilvorlage, das gebildete Publikum empfand sie als weltbilderschütternde Zumutung.

Einer der schärfsten Kritiker der Hochpotenzen war der Karlsruher Arzt Ludwig Griesselich, der als Herausgeber und Autor in der Zeitschrift Hygea unnachgiebig und mit großer Reichweite Stellung bezog. Der junge Dr. Griesselich (1804-1848) befürwortete zwar die Homöopathie, hatte aber doch so viel an Hahnemanns Lehre auszusetzen, dass er eine Trennung der Homöopathie vom Namen des Begründers forderte.

Zusammen mit seinem Kollegen Friedrich Ludwig Schrön verfasste er 1836 eine Streitschrift mit dem Titel

Offenes Bekenntnis über Heilkunst im Allgemeinen und Homöopathie ins Besondere, […] dem Urtheile unparteiischer Aerzte vorgelegt. (Griesselich & Schrön, 1836)

Diese aus 58 Aussagen bestehende und 35 Seiten füllende Erörterung polarisierte und forderte zur Positionierung auf. So wurde die sich bereits andeutende schleichende Spaltung der Homöopathen in “Hahnemann-kritische Naturwissenschaftler“ und „treue Hahnemannianer“ gewissermaßen öffentlich vollzogen.

Griesselich sorgte mit seinen aufheizenden Texten dafür, dass sich der Streit verfestigte. Das Thema der Potenzierung ging er mehrfach an, indem er die Publikationen anderer Kollegen darüber sezierte, ohne jedoch eigene Versuche durchzuführen. Sein Fazit: was Kollegen als Erfahrungen darstellten, basiere meist auf Selbsttäuschung. Mit unverblümtem Standesdünkel urteilte er über Fallberichte von C. v. Bönninghausen, den „man jedoch in der ganzen Angelegenheit für unzurechnungsfähig halten [muss], da er kein Arzt“ sei. (Griesselich, 1845, S. 459)

Mit der Argumentation, „der Theorie von diesem Potenziertwerden zu folgen, hiesse einer Menge von Widersprüchen zu folgen“, hatte Griesselich von vornherein die eigene praktische Erprobung abgelehnt. (Griesselich & Schrön, 1836, S. 349)

Es konnte zeitbedingt ohnehin nur Theorien darüber geben, was in dem beschriebenen Potenzierverfahren vermutlich mit den verschiedenen Substanzen geschah. Im Unklaren lag auch, wie viele Potenzierschritte überhaupt möglich waren und ob das Verschütteln die Mittel kräftiger mache oder zu starke Wirkungen abmilderte.

Zwar bestand zu Beginn des 19. Jahrhunderts bereits eine Vorstellung von Atomen als kleinsten Bausteinen der Materie, doch fehlten noch jegliche physikalisch-chemische Nachweismethoden. Atome und Moleküle waren schlicht unsichtbar; ihre Existenz war nur indirekt zu erschließen. Die extrem geringen Stoffmengen der höheren Potenzen ließen sich „nicht (be-)greifen“. Das, was wirkte, entzog sich daher sowohl der sinnlichen Wahrnehmung als auch den damaligen technischen Möglichkeiten der Vergrößerung und Analyse.

Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden mathematische Abschätzungen von Teilchenzahlen möglich. Loschmidts molekulartheoretischen Vorstellungen bildeten die Grundlage erster Modellrechnungen zum Stoffgehalt homöopathischer Potenzen. So veröffentlichte Theodor Sauter 1893 eine Berechnung, wonach Hochpotenzen oberhalb von D24 bzw. C12 statistisch wahrscheinlich kein Molekül der Ausgangssubstanz mehr enthalten sollten (Sauter, 1893).

Die Überzeugungskraft dieser Rechnung beruht jedoch wesentlich auf idealisierten Voraussetzungen: vollkommen homogene Verteilung frei beweglicher Moleküle, streng geometrische Verdünnungsprogression und ideales statistisches Mischungsverhalten. Reale Wasser-Alkohol-Gemische verhalten sich nicht wie ideale Gase; hinzu kommen Grenzflächenphänomene, Adsorption an Gefäßoberflächen sowie mechanochemische Veränderungen durch Verreibung und Verschüttelung. Dass Hochpotenzen unter realen Bedingungen zwingend vollständig stofffrei sein müssen, kann diese Modellrechnung nicht beweisen. Bereits Rudolf Richwien wies 1958 ausführlich auf diese Grenzen hin (Richwien, 1958).[3]

Dennoch wird die sogenannte Loschmidt-Avogadro-Argumentation in der Homöopathiedebatte bis heute häufig als direkter physikalischer Beweis der Stofffreiheit verwendet, obwohl sie auf einer Modellkette beruht, deren Voraussetzungen in populären Darstellungen meist nicht mitreflektiert werden.

Was Jahr in § 57 der Lehren und Grundsätze konstatierte, gilt somit noch immer:

„Über keinen Punkt der gesamten Lehre Hahnemanns ist wohl mehr geschrieben, gespöttelt, gestritten und geklügelt worden, als über diesen; für die meisten unserer allopathischen Gegner ist er noch heute der einzige Stein des Anstoßes, der sie abhält, die Lehrsätze Hahnemanns näher zu untersuchen, […] Ja sogar in unserer eigenen Schule ist die ganze Opposition […] eigentlich nur durch diesen Punkt erregt worden.“ (Jahr, 1857, § 57)

Die Opposition „in unserer eigenen Schule“ war etwas, das Jahr lange grämte, insbesondere die destruktive, teilweise gehässige Art der Auseinandersetzungen. Wie sehr ihn das persönlich kränkte, zieht sich wie ein roter Faden durch die Vorworte seiner zahlreichen weiteren Publikationen.

Hahnemanns empirische Entdeckungen

Was brachte nun Hahnemann dazu, die Stoffmenge seiner Arzneimittel so sehr zu verringern?

Jahr erläutert, dass Hahnemann keinerlei theoretisches Konzept verfolgte, sondern nur das Ziel, eine Dosierung zu ermitteln, die ohne zu schaden, am Kranken wirkte und an gesunden Testpersonen in Versuchen Reaktionen anregen konnte. Da er natürlich vorkommende reine Substanzen ohne Vermischung mit pharmazeutischen Hilfsstoffen verwendete[4], ging er den Weg, die arzneiliche Masse durch Verdünnen löslicher Stoffe in Weingeist und Verreiben unlöslicher Stoffe mit Milchzucker zu verkleinern.

Dabei machte Hahnemann Beobachtungen, die er nicht erwartet hatte. Bei reiner Verdünnung nahm die Wirkung ab. Schüttelte er die Lösung mehrfach kräftig zwischen den Verdünnungsschritten - mit dem Ziel der guten Durchmischung von Substanz und Lösungsmittel - verstärkte sich die Arzneiwirkung mit jedem Schritt. Diesen Effekt beobachtete er sowohl bei wirkstarken Mitteln und Giften (z.B. Arsen), als auch bei in der Volksmedizin verwendeten Stoffen (z.B. Kamille, Baldrian) und schließlich auch bei inerten Stoffen (z.B. Kochsalz, Lycopodium).

Das, was er nach stufenweisem Verschütteln (und Verreiben) und Verdünnen der Präparate beobachte, löste nicht nur Erstaunen aus, sondern spornte den Forschergeist an.

In Hahnemanns Kleinen Gesammelten Schriften finden sich zwei aufschlussreiche Aufsätze[5] [6], in denen er sein Vorgehen, seine Beobachtung und die Erkenntnis detailliert beschreibt. Der Aufsatz Belehrung für den Wahrheitssucher entstand im Juli 1825 als Antwort auf eine Anfrage in der Tageszeitung Allgemeiner Anzeiger und Nationalzeitung der Deutschen. (Hahnemann, 2001, 1825)

Darin beschrieb er die Wirkung des Reibens mit folgenden Worten:

„Das Reiben ist nämlich von so mächtiger Einwirkung, daß nicht bloß die innern physischen Kräfte […] aus den Naturkörpern erweckt und entwickelt werden, sondern, was man bisher noch nicht wußte, auch die arzneylich-dynamischen Kräfte der natürlichen Stoffe bis zu einem unglaublichen Grade hervorgerufen werden.“ (Hahnemann, 2001 (1825), S. 755)

Da für den belesenen Hahnemann diese Beobachtung neu war, betrachtete er sich als den ersten, der diese Entdeckung machte,

„daß die Kraft der rohen Arzneystoffe, wenn sie flüssig, durch vielmahliges Schütteln mit unarzneylichen Flüssigkeiten, und waren es trockene Dinge, durch mehrmaliges anhaltendes Reiben mit unarzneylichen Pulvern, so sehr an arzneylicher Wirkkraft zunehmen, daß […] selbst Substanzen, in denen man in rohem Zustande, Jahrhunderte lang, keine Arzneykraft wahrnehmen konnte, unter dieser Bearbeitung eine Kraft, auf das Befinden des Menschen zu wirken, enthüllen, die Erstaunen erregt.“ (Hahnemann, 2001 (1825), S. 755)

In ihrem gewöhnlichen Zustand erweisen sich feines Gold, feines Silber und Platina als wirkungslos auf das menschliche Befinden, selbst eine empfindliche Person würde bei der Einnahme von ein paar Gran Blattgold oder Blattsilber nichts bemerken.

„Wird aber ein Gran Blattgold in einer porcellanenen Reibeschale eine Stunde lang mit 100 Granen Milchzucker unter Anwendung mäßiger Kraft gerieben, so hat dieses Pulver (die erste Verdünnung) schon eine merkliche Arzneykraft erlangt. Wird nun ferner ein Gran von diesem Pulver mit 100 Granen frischem Milchzuckern ebenso stark und ebenso lange gerieben, so erlangt das Präparat schon eine weit größere Arzneykraft […]“ (Hahnemann, 2001 (1825), S. 755)

Dass die verriebenen und verschüttelten Präparationen nicht auf dieselbe Art wirken wie die rohe Ausgangssubstanz, zeigte sich in wiederholten empirischen Beobachtungen, die von Hahnemann sorgfältig dokumentiert wurden. Nur wie benennt man das nach Zerkleinerung veränderte Wirkprinzip? Da die Beobachtung vollkommen neu war, fehlte es an einem passenden Begriff – ein Problem, das der Forscher Hahnemann auch genauso benennt:

„Es sind aber diese homöopathischen Arzneyverdünnungen (- Schade, daß man kein der Sache angemesseneres Wort für diese Verrichtung in irgend einer Sprache hat, aber auch keins haben konnte, da diese Erscheinung vor ihrer Entdeckung nie erhört war -) diese Verdünnungen sind so wenig mit den so tief verkleinten Zahlbrüchen gleichen Schritt haltende Verkleinerungen und Verminderungen der Arzneykraft dieses Grans, oder dieses Tropfens der rohen Arzneysubstanz, daß sie vielmehr als wahre Steigerungen ihres Arzneyvermögens, als wahre Vergeistigungen der inwohnenden dynamischen Kraft, als wahre, erstaunenswerthe Enthüllungen und Lebendigmachungen ihres arzneylichen Geistes sich in der Erfahrung erweisen.“ (Hahnemann, 2001 (1825) S.756)

Hier kam die Formulierung der „dynamischen Wirkung“ auf, ein typischer hahnemannscher Platzhalterbegriff. Hahnemanns Sprache, die Verwendung der Begriffe „Vergeistigung“, „Enthüllung der dynamischen Kräfte“, „Befreiung von den Banden der Materie“ ließen nun viel Spielraum für Interpretation und Missverstehen. Er beschrieb hier eine Zustandsänderung der Materie, die eben keine bloße Verdünnung darstellte. Denn in der Praxis zeigte sich, dass die Patienten auf lediglich verdünnte Substanzen anders reagierten als auf potenzierte Zubereitungen und dass dieser Unterschied mit der Potenzhöhe weiter zunahm.

Die Begriffe Potenz und Potenzierung verwendete Hahnemann entsprechend der ursprünglichen Lateinischen Bedeutung potentia = „Macht, Kraft“, zusammengesetzt aus potis = „fähig, mächtig“ und esse = „sein“.

Er unterschied Krankheitspotenzen und Arzneipotenzen. Ersteres sind natürliche oder künstliche Einflüsse (Erreger, Gifte, Arzneimittel) mit der Fähigkeit, Krankheit auszulösen. Mit Arzneipotenz bezeichnete er die Fähigkeit von Arzneien zu heilen (auch Heilpotenz). „Potenzierung“ verwendete er für die „der Homöopathie eigne Art von Kraft-Entwickelung durch Reiben oder Schütteln“ (vgl. Gesammelte Kleine Schriften).

Haltung und Argumente der „naturwissenschaftlichen“ Opposition

„Daß aber der Zweifler über diese homöopathischen Verdünnungen spöttelt, hat mehrere Ursachen. Erstens, weil ihm unbekannt ist, daß durch solche Art von Reibungen die innere Arzneykraft wundersam zum Leben kömmt und sich gleichsam von den Banden der Materie befreyet, um so desto eindringlicher und freyer auf den menschlichen Organismus wirken zu können; zweytens, weil kein bloß arithmetischer Kopf hier nur ein ungeheures Divisionsexempel vor sich zu sehen wähnt, eine bloße materielle Zertheilung und Verkleinerung, da dann natürlich jeder Theil kleiner als das Ganze seyn müßte - wie jedes Kind weiß; er merkt aber nicht, daß bey diesen Vergeistigungen des innern Arzneyvermögens die Hülle dieser Naturkräfte, der palpable, wiegbare Stoff in keine Betrachtung kommen kann; drittens, weil der Zweifler keine Erfahrung von der Wirkung so in ihrer Arzneykraft erhöheter Präparate hat.“ (Hahnemann, 2001 (1825) S.756)

Hahnemann analysierte mit nüchternem Blick für menschliche Denkmuster, warum die homöopathischen Potenzen auf so viel Unverständnis und Spott stießen. Es sind dieselben Argumente, wie heute:

  1. Es war seinerzeit unbekannt (und ist es heute überwiegend auch noch), dass diese Art der Aufbereitung von Substanzen durch Reiben und Verschütteln eine andere Wirkform erschließt. Aktuelle Untersuchungen legen nahe, dass in diesem Verfahren kolloidale Strukturen und Nanopartikel entstehen, die in der Ausgangslösung nicht enthalten sind. (Bell & Koithan, 2012) (s.a. Modelle und Wirkhypothesen)
  2. Es gibt inzwischen deutliche Hinweise, dass die so zerkleinerten und aufgeschlossenen Stoff-Partikel im Kontakt mit den kolloidalen Strukturen des Organismus nach Prinzipien wirken, die nicht mit der gängigen Pharmakokinetik (ADME[7]) beschrieben werden können und damit auch nicht in direkter Beziehung zu der wiegbaren Substanzmenge stehen (keine lineare Dosis-Wirkungs-Beziehung, Bell & Koithan, 2012; Traube, 1925)
  3. Am meisten zweifeln stets die Theoretiker, weil sie sich nicht der Mühe des gründlichen empirischen Nachweises stellen.

Jahr erklärte die ablehnende Haltung in § 57 und § 58 folgendermaßen:

„Die meisten unserer allopathischen Gegner […] können nicht begreifen, wie nichts etwas wirken könne, d. h., wie da, wo nicht nur für die unbewaffneten Sinne, sondern sogar für die optischen Werkzeuge und die chemischen Reagentien auch die letzte Spur des ursprünglichen Stoffes absolut verschwunden scheint, noch irgendeine Kraftäußerung stattfinden könne.“ (Jahr, 1857)

Diese Denkweise beruhte auf scheinbar unumstößlichen Säulen:

  1. der Annahme, dass eine Wirkung nur von einer wiegbaren Substanzmenge ausgehen könne, und
  2. der Überlegung, falls so hohe Verdünnungen wirksam sein sollten, dies rein mengenmäßig vergleichbar sei mit einem Tropfen Arznei im Genfer See, der dann das gesamte Seewasser wirksam machen würde.

Ein spekulativer Kopf

Jahr stimmte Hahnemann nicht in allem zu, er hielt zu frühe spekulative Erklärungsversuche für genauso kontraproduktiv wie die leugnende Haltung der Gegner.

„Hahnemann, der bei seiner ausgezeichneten und vielleicht nicht sobald von irgendjemand übertroffenen Beobachtungsgabe doch zugleich auch ein spekulativer Kopf war, der sich gern selbst Rechenschaft ablegte von dem, was er gefunden und daraus weitere Folgerungen abzuleiten versuchte, hat sich selbst nicht immer solcher voreiliger Schlüsse enthalten können; viele einzelne Teile seiner Lehre liefern davon den Beweis, daß er an sich selbst sehr richtige Gedanken, welche ihm während seiner Beobachtungen kamen, zuweilen etwas zu voreilig ausgesprochen, und den darin enthaltenen Wahrheiten eine weitere und umfassendere Bedeutung gegeben hat, als es zulässig war.“ (Jahr, 1857, § 61)

Dass sich die Arzneikräfte durch Verreiben und Verschütteln steigerten, war laut Jahr unerwiesen (Jahr, 1857, § 62). Er hielt es für unkorrekt, hier von einer Krafterhöhung zu sprechen und lehnte diese theoretischen Erklärungsversuch Hahnemanns ausdrücklich ab (Jahr, 1857, § 64).

Jahr war der Ansicht, dass sich die Wirkung der höheren Verdünnungen allein durch die rein mechanische Verkleinerung der Masse und die feine Zerteilung erklären lasse, ohne jede Annahme einer zusätzlichen Kräfteentwicklung. Die moderne Kolloidchemie zeigt, dass die Vergrößerung der Oberfläche eine physikalische Veränderung ist, die durchaus eine erhöhte biologische Aktivität kleinster Partikel erklären kann, ohne dass man eine mystische ‚Kraft‘ annehmen müsste (Hartmann, 2006; Schwarze et al., 2007).

Jahr hielt es für wahrscheinlicher,

„daß die Kraft, welche wir fortwirken und allerlei Erscheinungen hervorbringen sehen, nicht mehr die der Arznei, sondern die der durch sie angeregten eigenen Lebenstätigkeit des Organismus sei“. (Jahr, 1857, § 65)

Der Arznei komme somit nur die auslösende Funktion zu, ähnlich der eines Initiators.

Die Notwendigkeit von Forschung und Erfahrung

Während die Gegner innerhalb der eigenen Schule an der physikalischen Begreifbarkeit scheitern, ist Jahr pragmatisch, indem er den Weg der empirischen Methodik beschreibt

„Und was lehrt die Wissenschaft von den Merkmalen und den Eigenschaften der Dinge? Sie lehrt, daß diese weder von dem Verstande begriffen, noch durch Vernunftschlüsse ermittelt, sondern nur durch unmittelbare Beobachtung wahrgenommen und nur durch fortgesetzte Beobachtungen, d. i. nur durch Erfahrung konstatiert werden können […]“ (Jahr, 1857, § 58)

Dass nach jedem Potenzierschritt die Einnahme der Verdünnung eine weitere Reaktion hervorruft, zeige, dass noch materielles Substrat enthalten sein müsse. Die Reaktionsform muss jedoch nicht zwangsläufig der Ausgangssubstanz entsprechen Das sei kein Mystizismus, sondern ein eher ein physikalisch zu lösendes Problem, das es noch zu ergründen gelte. (Jahr, 1857, §§ 58-59)

Auch den Spott über Jenichens Hochpotenzen[8] hielt er für unangebracht. Er räumte zwar ein, Jenichens Mittel nicht für wissenschaftliche Beweisführungen zu verwenden, da der exakte Herstellungsvorgang unklar war. Aber ihre Wirksamkeit stellte er nicht in Abrede: „Denen von Jenichen verfertigten sogenannten Hochpotenzen können wir ihre Wirksamkeit an sich umso weniger absprechen, als wir dieselbe mehrmals erprobt.“ (Jahr, 1857, § 58)

Jahr gelang, woran viele seiner Zeitgenossen scheiterten: Er trennte streng zwischen empirischen Belegen und theoretischen Erklärungen. Er kannte die Wirkung der kleinen Gaben aus eigener Praxis; dass sie existierte, stand für ihn außer Frage, ganz gleich, ob das Wissen seiner Zeit dafür eine Erklärung liefern konnte oder nicht.

„Untersuchung des Faktums in der Erfahrung bleibt daher auch hier der einzige echt wissenschaftliche Weg, um über die Wirksamkeit nicht nur der hohen und höchsten, sondern auch der niedern und niedrigsten unserer sogenannten homöopathischen Verdünnungen ins Klare zu kommen.“ (Jahr, 1857, § 58)

Dieser Satz ist eine methodisch wissenschaftliche Grundsatzerklärung: Empirische Erfahrung geht der Theorie voraus. Wer eine beobachtbare Wirkung leugnet, nur weil sie nicht in das eigene theoretische Modell (Weltbild) passt, unterliegt einem Selbstbestätigungsfehler (Confirmation-Bias), welcher einen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn verhindert.

„[…] je größer eine im Volke oder unter den Gelehrten verbreitete Absurdität ist, und je mehr ihre Ausbreitung zunimmt, um so mehr [ist] es die Pflicht aller wahrhaft gebildeten und wissenschaftlichen Denker, die Tatsachen […] nicht so leichtsinnig als nicht existierend abzuweisen, sondern dieselben gerade um so mehr und um so genauer zu untersuchen […].

Durch die reine Ableugnung der Tatsachen, auf die sich andere stützen, werden die Irrtümer in der Wissenschaft nur stets mehr verbreitet“ (Jahr, 1857, § 60)

Die Gegner der Homöopathie, wie auch die vermeintlich „naturwissenschaftlich kritische“ Fraktion der Homöopathen, haben sich genau diesem Denkfehler unterworfen. Hochpotenzen werden abgelehnt, nicht weil sie empirisch widerlegt wurden, sondern weil sie nicht in das wissenschaftliche Modell des vorherrschenden Weltbildes eingeordnet werden können.

Jahrs wissenschaftlich offene Haltung erweist sich als weitsichtig

Das Entscheidende an Jahrs Argumentation ist, es für möglich zu halten, dass die potenzierten Verdünnungen Partikel der Ausgangssubstanz enthalten, die im Herstellungsprozess eine physikalische Veränderung erfahren haben können.

„Daß keine Eigenschaft ohne ein Ding […] bestehen kann, ist nicht zu leugnen. Allein kann dieser Satz auf unsere homöopathischen Verdünnungen seine Anwendung finden? […] Das materielle Substrat ist nicht mehr dasselbe, welches im rohen Zustande der Arznei die wirksame Eigenschaft fixierte.“ (Jahr, 1857, § 59)

Dass Reiben und Schütteln eine Zustandsänderung der Materie und damit auch der pharmazeutischen Wirkung verursachen können und was Jahr und Hahnemann nur als „Vergeistigung“ oder „Enthüllung dynamischer Kräfte“ umschreiben konnten, erhielt erst Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Kolloidchemie eine erste hypothetische Annäherung.

Ein Kolloid ist ein System, in dem winzige Teilchen (1–1000 Nanometer) in einem Dispersionsmittel fein verteilt sind. Seine Besonderheit: Nicht die Masse, sondern die Größe der Oberfläche ist entscheidend für seine Wechselwirkungen. (Bechhold, 1929)

Was vor 170 Jahren wie eine kühne Spekulation klang, erhält heute auch durch die ersten Erkenntnisse der Nanomedizin und die Wirkmodelle der Systembiologie eine neue Perspektive. Einige Ansätze der modernen Kolloidchemie und Nanomedizin ermöglichen es, historische Beobachtungen zur Potenzierung aus einer physikalisch-chemischen Perspektive neu zu betrachten. Ob diese Modelle die postulierten Wirkmechanismen vollständig erklären können, ist Gegenstand aktueller Forschung:

So legten Bell und Koithan in ihrem 2012 erschienen Artikel A model for homeopathic remedy effects: low dose nanoparticles, allostatic cross-adaptation, and time-dependent sensitization in a complex adaptive system ein plausibles Erklärungskonzept für den Potenziervorgang dar.

  1. Das kräftige Reiben (Trituration) und Verschütteln (Dynamisation) sind nicht bloße Mischvorgänge, sondern eine mechano-chemische Aktivierung. Untersuchungen zeigen, dass die bei Trituration und Dynamisation aufgebrachte mechanische Energie ausreicht, um Kristallgitter aufzubrechen und Nanopartikel mit einer großen spezifischen Oberfläche zu erzeugen.
  2. Wenn Hahnemann beobachtete, dass zuvor unlösliche Stoffe (Quarz, Schwefel, Gold) nach der Potenzierung „in Wasser und Weingeist auflösbar“ wurden, handelte es sich nicht um eine echte molekulare Lösung, sondern um eine kinetisch stabile kolloidale Dispersion. Die Partikel sind so klein, dass sie nicht sedimentieren – sie erscheinen gelöst.
  3. Die biologischen Wirkungen eines kolloidalen Systems hängen primär von seiner Grenzflächenaktivität ab. Je kleiner die Partikel werden, desto mehr Kontaktstellen besitzen sie für Wechselwirkungen mit Zellmembranen, Proteinen und Rezeptoren. Die von Hahnemann und Jahr wiederholt beobachtete Zunahme der Wirkung mit höheren Potenzen (bei gleichzeitiger Verdünnung) ist aus kolloidchemischer Sicht somit keine Paradoxie, sondern eine logische Folge der zunehmenden Oberfläche und der damit verbundenen Aktivierung physikalischer Wechselwirkungen.

In einer aktuellen Literaturrecherche analysierten die Autoren Krishnan und Nair 33 Studien, die sich mit dem Vorkommen von Nanopartikeln in homöopathischen Präparaten beschäftigten. Die Nanopartikel in homöopathischen Verreibungen und Verdünnungen wurden mithilfe verschiedener analytischer Methoden, darunter spektroskopische und mikroskopische Verfahren, charakterisiert.

Sie kamen zu dem Ergebnis, dass trotz methodisch hochwertiger Einzelstudien noch weiterer Forschungsbedarf bestehe, insbesondere um mithilfe spezifischer Verfahrenstechniken und geeigneter Kombinationen etablierter Charakterisierungstechniken robustere Ergebnisse zu erzielen. Die Autoren halten es für wahrscheinlich, auf diesem Wege die Eigenschaften von Nanopartikeln in homöopathischen Arzneimitteln und ihre Rolle für die biologischen Wirkungen besser verstehen zu lernen. (Krishnan & Nair, 2026)

Hahnemann und Jahr hatten keinen Zugriff auf derartige Modelle und Theorien. Eine geeignete Fachterminologie zur genauen Beschreibung der Phänomene stand daher noch nicht zur Verfügung. Auch die technisch-analytischen Verfahren lagen im Gegensatz zu heute noch in weiter Ferne.

Doch sind die empirischen Belege – die Aktivierung inerter Stoffe, die Veränderung der Löslichkeit, das Ausbleiben chemischer Neutralisation, die Wirkungssteigerung bei scheinbar unendlicher Verdünnung in Hochpotenzen – mit den neueren Erkenntnissen der Kolloidchemie und Nanotechnik kompatibel.

Wer war wirklich „naturwissenschaftlich kritisch“?

Die Ironie der Wissenschaftsgeschichte liegt darin, dass sich diejenigen, die sich als „naturwissenschaftlich kritische“ Fraktion der Homöopathie gerierten, faktisch dem empirischen Nachweis – also der bis heute gängigen wissenschaftlichen Methodik – entzogen und an einem theoretischen Modell festhielten, das die Beobachtungen und belegten Nachweise nicht integrieren konnte.

Hahnemann praktizierte tatsächlich Wissenschaft: Er baute die Methodik der Homöopathie auf systematischer Empirie auf, korrigierte selbstreflexiv Irrtümer und eigene theoretische Vorurteile und hielt das Unerklärliche als offene Fragen für spätere Generationen bereit. Jahr folgte ihm darin in einer professionellen wissenschaftlichen Haltung wie kaum ein anderer.

Hahnemann ging mit den Ungewissheiten offen um; er erwartete für seine Beobachtungen zu den hohen Potenzen keinen blinden Glauben, sondern lediglich wissenschaftliche Offenheit und fairen Diskurs.

„Ich fordre gar keinen Glauben dafür, und verlange nicht, daß dieß Jemanden begreiflich sey. Auch ich begreife es nicht; genug aber, die Thatsache ist so und nicht anders. Bloß die Erfahrung sagt’s, welcher ich mehr glaube, als meiner Einsicht.“ (Hahnemann, 1999, S. 154 FN)

Jahrs Erörterung der Hahnemannschen Lehren ist ein noch heute aktuelles Plädoyer für die redliche Wissenschaftlichkeit: Wissenschaftliche Arbeit ist niemals abgeschlossen – künftige Generationen werden das heute Unverständliche erklären.

„Alles, was man über die Wirksamkeit unserer Verdünnungen sagen kann, ist, daß dieselbe eine Tatsache ist; erklären können wir nichts.“ (Jahr, 1857, § 66)

Jahr erweist sich als scharfsinniger Beobachter und logisch-analytischer Denker. Aus seinen Schriften spricht kein naiver Anhänger von Hahnemanns Theorien, sondern ein umfassend gebildeter, wissenschaftlich kritischer Geist, der die Wirkung der potenzierten Verdünnungen anerkannte, jedoch vorschnelle Erklärungen ablehnte. Gerade dadurch skizzierte Jahr die Brücke zwischen der systematischen Empirie der homöopathischen Praxis und den Errungenschaften jener zukünftigen naturwissenschaftlichen Forschung, die zu seiner Zeit noch nicht möglich war.

Ilka Sommer, CHS, 16. Mai 2026


[1] § 270: So werden 2 Tropfen von den zu gleichen Theilen Weingeist gemischten, frischen Pflanzensäften mit 98 Tropfen Weingeist verdünnt und mittels zweier Schüttel-Schläge potenziert als erste Kraft-Entwickelung und so durch noch 29 Gläser hindurch, jedes mit 99 Tropfen Weingeist zu 3/4 angefüllte Glas, so dass jedes folgende Glas mit einem Tropfen des vorigen Glases (was schon zweimal geschüttelt war,) versehen wird, um es dann gleichfalls zweimal zu schütteln und ebenso auch zuletzt die 30ste Kraft-Entwicklung (potenzierte Decillion-Verdünnung, X) als die gebräuchlichste. (Schreibweise und Ausdruck an aktuelle Regeln angepasst v.d.A.)

[2] § 271: Alle andre zum Arzneigebrauch bestimmte Substanzen – den Schwefel ausgenommen […] – wie: reine oder oxydierte und geschwefelte Metalle und andre Mineralien, Bergöl, Phosphor, sowie nur trocken haltbare Pflanzenteile und Pflanzensäfte, tierische Substanzen, Neutral- und Mittel-Salze, usw., alle diese werden sämtlich erst in 3 Schritten zur millionenfachen Pulver-Verdünnung durch dreimal einstündiges Reiben potenziert, von dieser aber wird dann ein Gran aufgelöst und durch 27 Verdünnungs-Gläser auf ähnliche Weise, wie bei den Pflanzensäften, bis zur 30sten Kraft-Entwicklung (Potenz) gebracht. (Schreibweise und Ausdruck an aktuelle Regeln angepasst v. d.A.)

[3] Johann Josef Loschmidt (1821-1895) bestimmte 1865 die Anzahl von Molekülen in einem Gas größenordnungsmäßig. Die nach ihm benannte Loschmidt-Zahl bezeichnet die Teilchenzahl in einem bestimmten Gasvolumen unter definierten Bedingungen und entwickelte Amedeo Avogadros (1776-1856) Hypothese von 1811 weiter, nach der gleiche Gasvolumina unter gleichen Bedingungen gleich viele Teilchen enthalten. Die Avogadro-Konstante – die Teilchenzahl pro Mol – wurde erst 1909 von Jean Baptiste Perrin eingeführt und zu Ehren Avogadros benannt. Beide Größen hängen mathematisch zusammen, sind aber physikalisch nicht identisch: Die Loschmidt-Zahl bezieht sich auf die Teilchendichte in einem Volumen, die Avogadro-Konstante auf die definierte Stoffmenge Mol.

[4] Lediglich das von Hahnemann eingeführte Causticum Hahnemanni bildet hier eine Ausnahme, (abgeleitet von kaustisch (griech) = ätzend) Ätzstoffe waren vor allem von Wundärzten pharmazeutisch genutzte Stoffe, Hahnemann stellte seine besonders reine Ätzstoff-Tinktur in einem speziellen chemischen Prozess her (s.a. Jansen, K. H., & Quak, D. T. (2018). Die Entschlüsselung des Causticumrätsels. https://doi.org/10.13140/RG.2.2.11663.28324).

[5] Hahnemann, S. (1825) Belehrung für den Wahrheitssucher, In: Hahnemann, S. (2001). Gesammelte kleine Schriften (J. M. Schmidt, Hrsg.). Haug. S. 754-756

[6] Hahnemann, S. (1827) Wie können kleine Gaben so sehr verdünnter Arznei, wie die Homöopathie sie vorschreibt, noch Kraft, noch große Kraft haben? In: Hahnemann, S. (2001). Gesammelte kleine Schriften (J. M. Schmidt, Hrsg.). Haug. S.763-766

[7] Absorption (Aufnahme), Distribution (Verteilung), Metabolismus (Verstoffwechselung) und Exkretion (Ausscheidung)

[8] Julius Caspar Jenichen (1787–1849) war homöopathischer Laienpraktiker. Angeregt von Constantin Hering, experimentierte er mit Hochpotenzen, wurde aber von Ärzten um Ludwig Griesselich verspottet. Jenichen publizierte nicht selbst; nach seinem frühen Tod veröffentlichte sein Vertrauter Dr. Rentsch 1851 in der Allgemeinen homöopathischen Zeitung (Rentsch, 1851) Jenichens Vorgehen, was heftige Kontroversen auslöste. Jenichen setzte beim Potenzieren seine ganze Körperkraft ein, machte aber keine einheitlichen Angaben zu seinem Verfahren. Vermutlich entwickelte es sich durch Versuch und Irrtum weiter. Während die Hahnemann-Gegner Jenichen diskreditierten, testete die andere Fraktion seine Potenzen und fand sie sehr wirkkräftig. Unklar bleibt, ob er vor jedem Potenzierungsschritt verdünnte oder die Potenz an der Zahl der Schüttelschläge maß. (Jahr, 1857)


Quellen und Referenzen

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Verf.: smi | Rev.: glt | Lekt.: pz | zuletzt geändert 17.05.2026