Wer war wirklich „naturwissenschaftlich kritisch“?
Die Ironie der Wissenschaftsgeschichte liegt darin, dass sich diejenigen, die sich als „naturwissenschaftlich kritische“ Fraktion der Homöopathie gerierten, faktisch dem empirischen Nachweis – also der bis heute gängigen wissenschaftlichen Methodik – entzogen und an einem theoretischen Modell festhielten, das die Beobachtungen und belegten Nachweise nicht integrieren konnte.
Hahnemann praktizierte tatsächlich Wissenschaft: Er baute die Methodik der Homöopathie auf systematischer Empirie auf, korrigierte selbstreflexiv Irrtümer und eigene theoretische Vorurteile und hielt das Unerklärliche als offene Fragen für spätere Generationen bereit. Jahr folgte ihm darin in einer professionellen wissenschaftlichen Haltung wie kaum ein anderer.
Hahnemann ging mit den Ungewissheiten offen um; er erwartete für seine Beobachtungen zu den hohen Potenzen keinen blinden Glauben, sondern lediglich wissenschaftliche Offenheit und fairen Diskurs.
„Ich fordre gar keinen Glauben dafür, und verlange nicht, daß dieß Jemanden begreiflich sey. Auch ich begreife es nicht; genug aber, die Thatsache ist so und nicht anders. Bloß die Erfahrung sagt’s, welcher ich mehr glaube, als meiner Einsicht.“ (Hahnemann, 1999, S. 154 FN)
Jahrs Erörterung der Hahnemannschen Lehren ist ein noch heute aktuelles Plädoyer für die redliche Wissenschaftlichkeit: Wissenschaftliche Arbeit ist niemals abgeschlossen – künftige Generationen werden das heute Unverständliche erklären.
„Alles, was man über die Wirksamkeit unserer Verdünnungen sagen kann, ist, daß dieselbe eine Tatsache ist; erklären können wir nichts.“ (Jahr, 1857, § 66)
Jahr erweist sich als scharfsinniger Beobachter und logisch-analytischer Denker. Aus seinen Schriften spricht kein naiver Anhänger von Hahnemanns Theorien, sondern ein umfassend gebildeter, wissenschaftlich kritischer Geist, der die Wirkung der potenzierten Verdünnungen anerkannte, jedoch vorschnelle Erklärungen ablehnte. Gerade dadurch skizzierte Jahr die Brücke zwischen der systematischen Empirie der homöopathischen Praxis und den Errungenschaften jener zukünftigen naturwissenschaftlichen Forschung, die zu seiner Zeit noch nicht möglich war.
Ilka Sommer, CHS, 16. Mai 2026
[1] § 270: So werden 2 Tropfen von den zu gleichen Theilen Weingeist gemischten, frischen Pflanzensäften mit 98 Tropfen Weingeist verdünnt und mittels zweier Schüttel-Schläge potenziert als erste Kraft-Entwickelung und so durch noch 29 Gläser hindurch, jedes mit 99 Tropfen Weingeist zu 3/4 angefüllte Glas, so dass jedes folgende Glas mit einem Tropfen des vorigen Glases (was schon zweimal geschüttelt war,) versehen wird, um es dann gleichfalls zweimal zu schütteln und ebenso auch zuletzt die 30ste Kraft-Entwicklung (potenzierte Decillion-Verdünnung, X) als die gebräuchlichste. (Schreibweise und Ausdruck an aktuelle Regeln angepasst v.d.A.)
[2] § 271: Alle andre zum Arzneigebrauch bestimmte Substanzen – den Schwefel ausgenommen […] – wie: reine oder oxydierte und geschwefelte Metalle und andre Mineralien, Bergöl, Phosphor, sowie nur trocken haltbare Pflanzenteile und Pflanzensäfte, tierische Substanzen, Neutral- und Mittel-Salze, usw., alle diese werden sämtlich erst in 3 Schritten zur millionenfachen Pulver-Verdünnung durch dreimal einstündiges Reiben potenziert, von dieser aber wird dann ein Gran aufgelöst und durch 27 Verdünnungs-Gläser auf ähnliche Weise, wie bei den Pflanzensäften, bis zur 30sten Kraft-Entwicklung (Potenz) gebracht. (Schreibweise und Ausdruck an aktuelle Regeln angepasst v. d.A.)
[3] Johann Josef Loschmidt (1821-1895) bestimmte 1865 die Anzahl von Molekülen in einem Gas größenordnungsmäßig. Die nach ihm benannte Loschmidt-Zahl bezeichnet die Teilchenzahl in einem bestimmten Gasvolumen unter definierten Bedingungen und entwickelte Amedeo Avogadros (1776-1856) Hypothese von 1811 weiter, nach der gleiche Gasvolumina unter gleichen Bedingungen gleich viele Teilchen enthalten. Die Avogadro-Konstante – die Teilchenzahl pro Mol – wurde erst 1909 von Jean Baptiste Perrin eingeführt und zu Ehren Avogadros benannt. Beide Größen hängen mathematisch zusammen, sind aber physikalisch nicht identisch: Die Loschmidt-Zahl bezieht sich auf die Teilchendichte in einem Volumen, die Avogadro-Konstante auf die definierte Stoffmenge Mol.
[4] Lediglich das von Hahnemann eingeführte Causticum Hahnemanni bildet hier eine Ausnahme, (abgeleitet von kaustisch (griech) = ätzend) Ätzstoffe waren vor allem von Wundärzten pharmazeutisch genutzte Stoffe, Hahnemann stellte seine besonders reine Ätzstoff-Tinktur in einem speziellen chemischen Prozess her (s.a. Jansen, K. H., & Quak, D. T. (2018). Die Entschlüsselung des Causticumrätsels. https://doi.org/10.13140/RG.2.2.11663.28324).
[5] Hahnemann, S. (1825) Belehrung für den Wahrheitssucher, In: Hahnemann, S. (2001). Gesammelte kleine Schriften (J. M. Schmidt, Hrsg.). Haug. S. 754-756
[6] Hahnemann, S. (1827) Wie können kleine Gaben so sehr verdünnter Arznei, wie die Homöopathie sie vorschreibt, noch Kraft, noch große Kraft haben? In: Hahnemann, S. (2001). Gesammelte kleine Schriften (J. M. Schmidt, Hrsg.). Haug. S.763-766
[7] Absorption (Aufnahme), Distribution (Verteilung), Metabolismus (Verstoffwechselung) und Exkretion (Ausscheidung)
[8] Julius Caspar Jenichen (1787–1849) war homöopathischer Laienpraktiker. Angeregt von Constantin Hering, experimentierte er mit Hochpotenzen, wurde aber von Ärzten um Ludwig Griesselich verspottet. Jenichen publizierte nicht selbst; nach seinem frühen Tod veröffentlichte sein Vertrauter Dr. Rentsch 1851 in der Allgemeinen homöopathischen Zeitung (Rentsch, 1851) Jenichens Vorgehen, was heftige Kontroversen auslöste. Jenichen setzte beim Potenzieren seine ganze Körperkraft ein, machte aber keine einheitlichen Angaben zu seinem Verfahren. Vermutlich entwickelte es sich durch Versuch und Irrtum weiter. Während die Hahnemann-Gegner Jenichen diskreditierten, testete die andere Fraktion seine Potenzen und fand sie sehr wirkkräftig. Unklar bleibt, ob er vor jedem Potenzierungsschritt verdünnte oder die Potenz an der Zahl der Schüttelschläge maß. (Jahr, 1857)