Der Ähnlichkeitssatz - Similia similibus curentur

Eine terminologische Standortbestimmung

Similia similibus curentur - Deutsch: Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt (lat. Similis=ähnlich) - Simila[1]: das Ähnliche

Das Simile-Prinzip, wurde für die Arzneitherapie erstmals 1796 von S. Hahnemann als Fundament der Homöopathie formuliert. Allgemein beschreibt das Prinzip ein reiz-regulatives Konzept auf der Basis der Ähnlichkeit zwischen Störung und therapeutischen Reizen. Für die homöopathische Arzneiwahl orientieren sich die diagnostischen Kriterien an empirisch ermittelten (patho-)physiologischen Reaktionen auf die verwendeten Arzneimittel. Diese sollen mit den Symptomen des Einzelfalles möglichst passgenau übereinstimmen, um eine kurative Reaktion oder auch palliative Wirkung in fortgeschrittenen Krankheitsfällen zu erzielen.

Wesentlich ist, dass es sich um ein systematisches Arzneiverschreibungskonzept handelt, das als minimaler Algorithmus gezielte therapeutische Effekte erzeugt. Ein weiterer Vorteil liegt in der interdisziplinären Anwendbarkeit.

Im Laufe von 225 Jahren gab es vielfache Diskussionen, ob diese von Hahnemann aufgestellte Arbeitshypothese ein Naturgesetz, ein Prinzip, eine Regel oder ein Konzept sei. Um die Debatte zu präzisieren, wird die nachfolgende Lesart der Terminologie auf der Basis einer Begriffsanalyse zu Grunde gelegt.

Naturgesetz

Dies bezeichnet eine präzise, (mathematisch) formulierte Aussage zum Ablauf von Naturerscheinungen, die allgemeingültige Anwendung finden kann, da sie unabhängig von Zeit und Ort ein Muster in der Natur (innerhalb eines definierten Gültigkeitsraumes) beschreibt und in seinen Zusammenhängen erklärt.

Da in den Wissenschaften aufgestellte Thesen meistens vorläufig und je nach Forschungs- und Kenntnisstand veränderlich sind, existieren nur wenige Naturgesetze mit einer solchen übergeordneten Gültigkeit (Allaussagen) wie z.B. der Energieerhaltungssatz, die drei Hauptsätze der Thermodynamik[2] oder das Gravitationsgesetz[3].

(Siehe auch Lexikon der Biologie – Naturgesetze, abgerufen am 11.5.2026 unter https://www.spektrum.de/lexikon/biologie/naturgesetze/45456)

Prinzip

Ein Prinzip beschreibt einen Grundsatz, der den Denkstil, die allgemeine Vorgehensweise und das Handeln bestimmt. Prinzipien sind aus diesem Grunde abstrakt formuliert. Sie dienen der Orientierung, gerade auch in komplexen Situationen.

Prinzipien bestimmen die Ausrichtung von Denkweisen, indem sie strukturierende Grundannahmen vorgeben, die beeinflussen wie Informationen wahrgenommen, verarbeitet und ausgewertet werden. Je nach Fachgebiet können wissenschaftliche, philosophische, rechtliche, technische, organisatorische oder auch moralische Prinzipien unterschieden werden.

In Wissenschaft und Lehre gelten z. B. Unvoreingenommenheit und Objektivität, Empirie und Reproduzierbarkeit, Konsistenz und Schlüssigkeit, logische Widerspruchsfreiheit sowie Überprüfbarkeit als Prinzipien, ebenso wie ethische Standards und Integrität (siehe auch Ethik in der Praxis).

Bedeutung für die Medizin

Auch der hippokratische Eid und seine Weiterentwicklung in der Genfer Deklaration[4] definieren die ethischen Prinzipien der Medizin.

Die Prinzipien der empirischen Forschung für die Medizin werden derzeit durch Studienkonzepte mit passenden mathematischen Auswertungswerkzeugen der Biostatistik determiniert. Diese basieren auf naturwissenschaftlichen Prinzipien und nutzen vornehmlich die Werkzeuge der empirischen Analytik.

Regel

Regeln beschreiben Leitsätze, die als Übereinkunft festgelegte Verfahrensweisen bestimmen. Der aus dem Lateinischen stammende Begriff regula meint Maßstab, Leit- oder Richtschnur. In wissensbasierten Systemen basieren Regeln auf Prämissen, die zu Schlussfolgerungen (log. Konklusion) und einer folgerichtigen Handlungsweise führen.

Eine Sammlung von Regeln wird als Regelwerk bezeichnet, welches demzufolge Standards setzt. Sie können sich auf Kommunikation, Verhalten und allgemeiner formuliert, auf den Umgang mit Etwas beziehen.

Die Praxis lehrt, dass Regeln nicht nur aus Gesetzen und Prinzipien abgeleitet werden, sondern auch aus allgemeinen Erkenntnissen hervorgehen oder sich als Übereinkünfte aus Erfahrungen im Alltagsgeschehen ergeben. Für letzteres gilt die altbekannte Aussage: „Regeln regulieren“, solange die betreffenden Abläufe von der Mehrheit der Anwender als sinnvoll anerkannt und praktiziert werden.

Bedeutung für die Medizin

In der Praxis der Medizin werden Regeln als Leitlinien definiert, die mit wachsendem Erkenntnis- und Wissensstand stetig überprüft und angepasst werden. Leitlinien sind Empfehlungen, die das jeweilige sinnvolle Vorgehen beschreiben. Sie sollen in Diagnose und Behandlung helfen, das für die konkrete Einzelsituation sinnvollste Prozedere zu prüfen und festzulegen.

Konzept

Der lateinische Begriff concipere besitzt eine breite Bedeutung, die je nach Kontext auffassen, erfassen, sich vorstellen, zusammenfassen, verfassen, empfinden, oder auch etwas aufnehmen, schwanger werden (Empfängnis, Konzeption) beinhaltet.

Philosophisch ist das Konzept eine abstrakte und allgemeine Idee, eine möglichst objektivierbare und stabile Vorstellung und damit eine strukturgebende Abstraktion, die klassifiziert und sämtliche Merkmale des logischen Prüfens und Handelns bestimmt. Der Prozess der Konzeptentwicklung wird als konzeptualisieren bezeichnet.

Konzeptualisieren folgt dem Sinn, das Denken allgemein und im Einzelnen über Etwas, in etwas Konkretes zu überführen, verstehbar und anwendbar zu machen.

Konzepte bilden somit die Verbindung zwischen den ideellen Gedanken und der konkreten Praxis, in dem sie eine Systematik entwickeln und bereitstellen, mit der planvolle Handlungen in der Welt gestaltet werden können.

Konzepte sind stets Abbilder der Wirklichkeit. Die Konzeptualisierung ist abhängig von den Prämissen des angewendeten Denkstils. Die unterschiedlichen philosophischen Strömungen kommen über die Jahrhunderte überein, dass es nicht möglich sei das gesamte Wissen allgemeingültig zu konzeptualisieren. Es kommt vielmehr auf die Perspektive des Denkstils und die gesetzten Prämissen an.

Vom utilitaristischen Standpunkt aus ist die einsehbare und überprüfbare Nützlichkeit das prägende Merkmal stabiler Konzepte.

Bedeutung für die Medizin

Historisch wie aktuell bilden Konzepte das Grundverständnis von Krankheit und Gesundheit und gestalten dadurch das konkrete Vorgehen in Diagnostik und Therapie. Sie folgen konsequent den vorherrschenden Paradigmen des Verstehens und Handelns. Seit dem Wandel von der reinen Erfahrungsheilkunde zu einer wissenschaftsdefinierten Vorgehensweise, wie es sich im 19. Und 20. Jahrhundert entwickelt hat (s.a. Gesundheits- und Krankheitsbegriff), fokussiert die moderne Medizin vorrangig auf naturwissenschaftliche Konzepte. Eine Erweiterung um einen breiten humanwissenschaftlichen Ansatz stellt sich als zentrale Aufgabe für das begonnene 21. Jahrhundert.

Analyse und Auswertung

Nach Analyse aller Grundlagen zur Homöopathie in Theorie und Praxis, einschließlich ihrer geschichtlichen Entwicklung seit 1805, erscheint es auf dem aktuellen Wissensstand geboten, den Grundsatz der Homöopathie Similia similibus curentur als ein Prinzip zu definieren, das einen Denkstil präformiert, aus dem Samuel Hahnemann durch seine empirischen Forschungen ein praktisches Anwendungskonzept entwickelt hat (s.a. Prämissen und Selbstverständnis - Das Simile-Prinzip in der Medizin).

Die Niederschrift im Organon der Heilkunst dokumentiert das praktische Vorgehen des Konzeptes mit seinen wesentlichen Anwendungsregeln im Sinne von Leitlinien.

Unabhängig von der weiteren Wissensentwicklung der nach Hahnemann folgenden Epochen, hat sich das Ähnlichkeitskonzept als primäre Prämisse des Selbstverständnisses bis in die Gegenwart stringent erhalten. Zusammengefasst lässt sich festhalten:

Aus erkenntnistheoretischer Perspektive ist der Ähnlichkeitssatz Simila similibus curentur ein Prinzip, in der konkreten Praxis ein Anwendungskonzept.


[1] Im „klassischen Homöopathen-Jargon“ wird der Begriff Simile mit dem verordneten Einzelmittel und Similimum mit dem optimal passenden, ähnlichsten Arzneimittel mit dem nachweislich besten Effekt, gleichgesetzt.

[2] (a) Die Energie eines abgeschlossenen Systems ist konstant, (b) Thermische Energie ist nicht beliebig in andere Energiearten umwandelbar und (c) der absolute Nullpunkt der Temperatur ist unerreichbar.

[3] jeder Massenpunkt zieht jeden anderen Massenpunkt in einem Raum mit einer Kraft an, die direkt proportional zum Produkt ihrer Massen und umgekehrt proportional zum Quadrat ihres Abstandes ist, es gilt daher F = G * (m₁ * m₂) / r² mit, Gravitationskraft (F) zwischen den beiden Körpern, Gravitationskonstante (G) 6.674 * 10¹¹ N m²/kg² und m₁ und m₂ die Massen der beiden Körper sowie der Abstand zwischen den beiden Körpern (r).

[4] Genfer Deklaration des Weltärztebundes zum ärztlichen Gelöbnis, Verabschiedung 1948, aktuelle Fassung: https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Themen/Internationales/Bundesaerztekammer_Deklaration_von_Genf_04.pdf


Verf.: glt | Rev.: gbh, mnr, sfm, smi | Lekt.: pz | zuletzt geändert 14.05.2026