Einige Überlegungen zur randomisierten klinischen Studie („RCT“)

EBM RCT randomisierte kontrollierte Studie interne Evidenz externe Evidenz

Abstract

In dieser kritischen Analyse von Prof. Dr. Wolfgang Mertens, emeritiertem Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Abteilung für Psychoanalyse und psychodynamische Forschung der Ludwig-Maximilians-Universität München aus dem Jahr 2008, werden die zentralen Merkmale randomisierter kontrollierter Studien (RCTs) sowie Argumente für und Einwände gegen ihre Nutzung als alleiniges oder höchstes Effizienzkriterium gegenübergestellt und methodologische Grenzen von RCTs aufgezeigt. Ebenso wird ihre Aussagekraft für bestimmte Forschungsfragen in der therapeutischen klinischen Praxis bei komplexen Therapieformen (bei denen beispielsweise Aspekte wie Beziehungsdynamik, Kontext und Einbeziehung von Veränderungen im Behandlungsverlauf immanent sind) kritisch hinterfragt. Es folgen einleitende Absätze und ein Link zur Originalarbeit.

"Zur Evidenzbasierung und zur Postulierung der Evidenzgrade:

In der Forschungsmethodologie der Psychotherapieforschung hat in den letzten Jahren eine zunehmende Angleichung an verhaltensmedizinische und pharmakologische Standards der evidence based medicine (EBM) stattgefunden. Dies wird von vielen Funktionären im Gesundheitswesen begrüßt, da hierdurch endlich die gewünschte Vereinheitlichung und damit auch Vergleichbarkeit erzielt werden. Warum sollte in forschungsmethodologischer Hinsicht den verschiedenen Psychotherapieverfahren eine Sonderrolle eingeräumt werden, zumal die Verhaltenstherapeuten gegen diese Angleichung ohnehin keine Bedenken äußern? Der Wissenschaftliche Beirat hat sich ebenfalls dieser Tendenz angeschlossen.

In Analogie zur laboratoriumsexperimentellen Grundlagenforschung wird deshalb nun auch in der Psychotherapieforschung von interner und externer Validität gesprochen. Hohe interne Validität liegt immer dann vor, wenn das Ergebniskriterium (Erfolg der therapeutischen Behandlung) eindeutig auf die Treatmentvariable (therapeutische Behandlungsbedingung) zurückgeführt werden kann. Dies geschieht am besten durch die Anwendung von kontrollierten, randomisierten Studien.

Allerdings ergibt sich hierbei ein Dilemma: Je höher die interne Validität ist, die ein Forscher durch Ausschaltung bzw. Kontrolle aller Störvariablen erhalten kann, desto geringer fällt die externe Validität aus. D.h. die Ergebnisse können nur mit Schwierigkeiten auf Praxisbedingungen übertragen werden. Zwar müssen sich interne und externe Validität nicht völlig ausschließen, aber in der Regel sinkt doch die Generalisierbarkeit mit der Strenge der Anforderungen an die Sicherung der internen Validität.

Die Frage ist aber, ob die Hierarchisierung von interner und externer Validität, wie sie von der Evidenzbasierung gefordert wird, überhaupt sinnvoll ist: Lassen sich experimentelle Gütekriterien, die aus der Grundlagenforschung stammen, überhaupt auf die Praxis übertragen? Bei einer therapeutischen Behandlung handelt es sich a priori um ein komplexes Geschehen mit vielen Einflußvariablen, die noch dazu miteinander interagieren. Von daher wäre die bisherige Postulierung von Evidenzklassen (Studien mit Sicherung der internen Validität sind solchen, bei denen der externen Validität das Hauptaugenmerk gilt, bei der wissenschaftlichen Anerkennung von Psychotherapieverfahren vorzuziehen) von vornherein der Thematik der Psychotherapieforschung nicht angemessen.

Eng damit zusammenhängend, aber im Grunde bereits von nachgeordneter Bedeutung ist dann die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Randomisierungsstrategie. ...." (Mertens, 2008)

Link zur hier zitierten Originalarbeit:

Mertens, W. (2008, Januar 13). Einige Überlegungen zur randomisierten klinischen Studie („RCT“). Ludwig Maximilians Universität München - Department Psychologie / Abt. Psychoanalyse und psychodynamische Forschung. Abgerufen am 7.1.2026 von  https://www.researchgate.net/publication/238725862_Einige_Uberlegungen_zur_randomisierten_klinischen_Studie_RCT_Zur_Evidenzbasierung_und_zur_Postulierung_der_Evidenzgrade


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