3. Clinical Guidelines
Außerdem haben wir sukzessive weitere wichtige Themen für moderne, hochqualitative Ausbildung und Praxis gesammelt und die Informationen in einem eigenen Teil „Clinical Guidelines“ zusammengefasst. Dazu gehören umfassende Darstellungen der pathognomonischen Symptome und Verlaufsformen der Pneumonie, die Besonderheiten der Fallaufnahme und des Fallmanagements, insbesondere die Schwerpunkte der Dosologie sowie weitere therapeutische Maßnahmen (z. B. Sauerstoffgabe, Flüssigkeitszufuhr etc.).
Für eine leitliniengerechte Vorgehensweise war uns auch wichtig, moderne Entscheidungskriterien bezüglich der Grenzen zwischen ambulanter und stationärer Behandlung möglichst genau zu definieren.
Dabei haben wir das Datenmaterial auch historisch aufgearbeitet, um herauszuarbeiten, wann wie vorgegangen wurde, um die Entwicklungen in der Behandlung entsprechend abzubilden, z. B. die fortschreitende Verwendung immer höherer Potenzen und immer häufigerer Gaben in der akuten Krise einer Pneumonie-Behandlung.
Dafür war es auch erforderlich, den aktuellen Stand anderer medizinisch-wissenschaftlicher Erkenntnisse einzuarbeiten.
Hieraus ergab sich aus homöopathisch-ganzheitlicher Perspektive auch ein kritischer Blick auf die konventionelle Vorgehensweise, beispielsweise auf den Umgang mit Fieber, Effekte von Pneumokokkenimpfungen und vieles mehr.
Wie schätzt ihr den Aufwand als Ganzes rückblickend ein?
Das Projekt entwickelte sich zu einem umfangreichen Prozess, der stets von dem Leitgedanken getragen war, was alles noch wertvoll sein könnte, um das Thema „Pneumonie-Behandlung“ fachgerecht und differenziert zu erfassen. Das Konzept des Buches hat sich als „Work in Progress“ entwickelt.
Was ist das Besondere an diesem Konzept?
Zunächst wollten wir alle wesentlichen Informationen zu einem klinischen Bereich sammeln und an einer Stelle auffindbar machen.
Es ging uns darum, einen Prototyp für moderne homöopathische klinische Literatur zu schaffen – analog zu entsprechenden modernen Werken in der konventionellen Medizin.
Es sollen alle spezifischen Materia Medica - Informationen mit möglichst wenigen Dopplungen zusammengestellt werden.
Damit steht auch ein Repertorium aus klinischen Erfahrungen zur Verfügung, das ausschließlich auf referenzierten Quellen basiert.
Das bedeutet, dass alle Repertoriumseinträge in der Materia Medica und in den Fällen zu finden sind, sozusagen ein Novum der Homöopathie-Literatur.
Wir konnten die Entwicklung und Besonderheiten der Dosologie aufzeigen – beispielsweise wurde zu Beginn mit niedrigen Potenzen gearbeitet, im Laufe der Zeit dann mit Arzneimitteln in höheren Potenzbereichen und immer häufiger wurde in Auflösung appliziert, anstatt einzelner trockener Gaben; dazu kommen Applikationshinweise bei Bewusstlosen, Säuglingen und Kleinkindern.
Die Pneumonie ist weiterhin eine der häufigsten akuten Todesursachen weltweit – insbesondere bei Kindern. Die Krankheitslast ist weltweit anhaltend hoch, nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in westlichen Industrienationen, v. a. im Rahmen im Krankenhaus erworbenen Pneumonien mit multi-resistenten Keimen.
Das Material bildet auch eine gute Grundlage, um homöopathische Forschungsanstrengungen an einem solchen globalen Gesundheitsproblem zu fördern.
Dahinter steht die Vision, kostenfreie Informationen (Open Source) mit allen Werkzeugen für homöopathische Praktiker und Praktikerinnen (digitale App) weltweit zusammenzustellen (analog zur Cochrane Gesellschaft in der konventionellen Medizin), anstatt auf Erlöse aus dem Verkauf zu hoffen, die meist nur einen sehr geringen Teil der Aufwände abdecken.
Wir werben für einen Zusammenschluss nationaler und internationaler Anstrengungen, um die Finanzierung und Umsetzung derartiger Projekte zu unterstützen. In unserem Fall kam die Unterstützung u. a. aus Österreich, Deutschland, der Schweiz und Argentinien.
Wie seid ihr mit dem Wandel der klinischen Begrifflichkeiten umgegangen?
Wir versuchten, die verwendeten klinischen Begrifflichkeiten (aus 200 Jahren) so gut wie möglich exakt herauszuarbeiten und in einem Glossar aufzuführen.
Weiterhin haben wir uns auch mit der Frage beschäftigt, welche Begrifflichkeiten wie in moderne Terminologie übersetzt werden können (z. B. Begriffe wie katarrhalische Pneumonie, typhöse Pneumonie etc.).
Wie seid ihr auf die besondere inhaltliche Darstellung der Materia Medica gekommen?
Ausgangspunkt war die Pneumonie-Materia Medica von Pulford. Dann wurden die Arbeiten von Borland aufgrund der umfassenderen Pneumonie-spezifischen Darstellungen und der klinischen Expertise aufgenommen, was insgesamt etwa 30–35 Arzneiausarbeitungen ergab.
Dazu erfolgten Ergänzungen aus anderen Quellen in der Reihenfolge, in der wir sie aufgefunden haben, wobei jeweils nur das ergänzt wurde, was noch nicht enthalten war. Dies ergab letztlich Informationen zu 146 Arzneimitteln.
Welche Kriterien habt Ihr für die Auswertung von Kasuistiken herangezogen?
Wesentlich war:
- ein realistisches Bild der Praxis in den verschiedenen Zeitperioden abzubilden, inklusive aller Fehler, die teilweise von uns kommentiert wurden,
- Unvollständigkeiten in der Falldarstellung herauszustellen,
- viele Informationen zu sichern, die sonst nirgendwo stehen,
- grundlegendes Übungsmaterial für die Aus- und Weiterbildung zur Verfügung zu stellen,
- referenzierte Repertoriumseinträge nur aus Kasuistiken zu übernehmen, wenn sie nachweislich einen kurativen Effekt erzielt haben,
- bei kleinen Arzneien mit wenigen Informationen prinzipiell nicht anders vorzugehen als bei Polychresten,
- die klinischen Phasen der Pneumonie mit ihren Erkennungsmerkmalen für Arzneimittel herauszuarbeiten und zuzuordnen.
Wie habt ihr das Repertoriums-Konzept aufgebaut?
Die Basis unseres Repertoriums ist Pulford’s Pneumonie-Repertorium, das laut Aussage von Pulford in diesem Werk auf der Struktur des Kent’schen Repertoriums basiert.
Pulford hat in seinem Repertorium 28 Arzneimittel eingetragen und nicht alle Einträge aus dem Kent’schen Repertorium übernommen.
Im nächsten Schritt wurden alle spezifischen Materia Medica Informationen in vorhandene und neue Rubriken aus der Materia Medica Analyse eingefügt, sofern wir eine eindeutige Quelle für den Eintrag gefunden haben. Dies galt auch für Einträge aus dem Kent’schen Repertorium.
Mit den verwertbaren Hinweisen aus Kasuistiken sind wir analog vorgegangen.
Anschließend haben wir nochmals in aktuellen Standardrepertorien (Synthesis, Complete Repertory, Murphy-Repertorium, Knerr etc.) geprüft, ob zusätzliche Rubriken und Arzneieinträge existieren. Auch hier wurde nur aufgenommen, was eindeutig durch Quellen referenziert werden konnte.
Welche QM-Konzepte wurden für Fehlerkorrekturen angewendet?
Alle gesammelten Fallberichte wurden zweimal durchgearbeitet und repertorisiert, um zu prüfen, ob alle Informationen auffindbar sind. Daraus wurden auch Vorschläge für das Repertorium erarbeitet und eingefügt.
Der Inhalt der klinischen Einführung wurde von einer Fachkollegin aus der Intensivmedizin mit homöopathischem Sachverstand redigiert.
Fünf sehr erfahrenen homöopathischen Kollegen wurde der gesamte Text zur inhaltlichen Kontrolle vorgelegt - darunter Dr. Hans-Jörg Hee (CH), Dr. Carlos Campora (ARG), Prof. Michael Frass (AUT), Tjado Galic (GER) und Dr. Andre Saine (CAN).
Lebenden Autoren wurden die von ihnen verwendeten Infos zum Prüfen vorgelegt und gegebenenfalls korrigiert.
Das englische Lektorat erfolgte durch eine amerikanische Muttersprachlerin.
Vielen Dank für das Interview und für diese großartige Arbeit, die nun den Homöopathen weltweit zur Verfügung steht.